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12.11.2019 - KULTURGESCHICHTE

Was ist noch schlank - was schon mager?

Aus der Kulturgeschichte der Personenwaage

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern: Noch in den 1970er Jahren standen in allen größeren Bahnhöfen Personenwaagen. Stellte man sich darauf und gab ein paar Groschen ein, warfen sie Kärtchen aus, auf denen das aktuelle Gewicht vermerkt war. Aufschriften wie „Prüfe Dein Gewicht!“ mahnten die Reisenden, über ihren Geschäften oder den anstehenden Urlaubsvergnügungen die Gesundheit und die schlanke Linie nicht zu vergessen – der zunehmende Wohlstand hatte eben auch eine Fresswelle mit sich gebracht. Seit etwa 1980 sind sie nach und nach aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Inzwischen hatten die meisten Wohnungen ein Badezimmer, zu dem selbstverständlich auch eine kleine Personenwaage gehörte, nun mit Tabelle statt mit Kartenauswurf. Es gab die Personenwaage, berichtet die Soziologin Debora Frommeld, sogar zusammenklappbar – auch unterwegs sollte niemand auf den Komfort, sein Gewicht prüfen zu können, verzichten. > mehr

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06.11.2019 - THEOLOGIE

Von der Kultreligion zur Buchreligion - oder zu zwei Buchreligionen

Eine Entstehungsgeschichte der Bibel

Im achtzehnten Jahr seiner Regierung, der biblischen Chronologie zufolge also 623 oder 622 v. Chr., berichtet das 2. Buch der Könige, ließ König Joschija am Tempel in Jerusalem Ausbesserungsarbeiten vornehmen. Der Hohepriester Hilkija teilte ihm dann mit, im „Haus des Herrn“ sei „das Gesetzbuch“ gefunden worden. Als es dem König vorgelesen wurde, zerriss der seine Kleider und klagte laut: „Der Zorn des Herrn muss heftig gegen uns entbrannt sein, weil unsere Väter auf die Worte dieses Buches nicht gehört haben.“ Mit dem „Gesetzbuch“ meinte der Erzähler offenbar einen Kern dessen, was im Judentum heute „Thora“ heißt und im Christentum als die „Fünf Bücher Moses“ bezeichnet wird. Der Alttestamentler Konrad Schmid von der Universität Zürich und der Neutestamentler Jens Schröter von der Berliner Humboldt-Universität haben die verschlungene Geschichte nachgezeichnet, in denen die Texte des Alten und des Neuen Testament entstanden. > mehr


30.10.2019 - KULTURGESCHICHTE

In einem Wald von Smartphones

Selfies und Bildproteste in der modernen Populärkultur

Der Leser meint einen Hauch von Wehmut zu verspüren. „Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft“, sagte Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor beinahe zwei Jahrhunderten in seinen „Vorlesungen zur Ästhetik“. Unsere Vorstellung sei „von dem sinnlichen Elemente abgerufen und auf die Innerlichkeit des Gemüts und Denkens zurückgeführt“. Hegel liebte die Plastik der alten Griechen, die Malerei der Italiener und der Niederländer. Doch die Logik seines Denkens nötigte ihn, die sinnlich wahrnehmbare Kunst als eine untergeordnete, in der modernen Welt im Grunde bereits vergangene Stufe der Entwicklung des Geistes zu begreifen. Wenn er geahnt hätte, dass gerade in jenen 1820er Jahren, während er an der Berliner Universität seine Vorlesungen abhielt, der Franzose Joseph Nicéphore Niépce die Grundlagen der Fotografie entwickelte … > mehr


24.10.2019 - THEOLOGIE

Um desto mehr dem Aufblühen der Wissenschaften nützlich zu sein

Vor 550 Jahren wurde Erasmus von Rotterdam geboren

Ende des Jahres 1516 erhielt der Theologe und Philologe Erasmus von Rotterdam einen Brief von Georg Spalatin, dem Hofkaplan des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Wenige Monate zuvor war von Erasmus eine kritische Edition des griechischen Urtextes zum Neuen Testament herausgekommen, begleitet von einer eigenen Übersetzung ins Lateinische. Spalatin sprach den berühmten Humanisten mit der gebührenden Ehrerbietung an: „Wir alle verehren Dich aufs Tiefste, der Kurfürst hat alle Deine Werke in seiner Bibliothek, und er beabsichtigt, alles zu kaufen, was Du noch herausgibst.“ Auf diese Huldigung folgte eine ganz vorsichtige Kritik. Ein Augustinermönch, ebenfalls ein großer Bewunderer des Erasmus, Spalatin nannte keinen Namen, habe ihn gebeten, diesem eine Frage vorzulegen. Der Begriff der Rechtfertigung vor Gott sei in Erasmus‘ Erklärung der Paulusbriefe nicht ganz klar geworden – vielleicht deshalb, weil die Lehre von der Erbsünde darin nicht genügend herausgestellt wurde? > mehr


17.10.2019 - POLITISCHE THEORIE

Gleich einem reissenden Fluss, der sich keiner Ordnung unterwerfen kann

Radikale Demokratietheorien seit Macchiavelli

„Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind“, schrieb der Basler Historiker Jacob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“. In zwei Schweizer Kantonen, Appenzell-Innerrhoden und Glarus, wird heute noch die Gesetzgebung unmittelbar vom Stimmvolk in der sogenannten „Landsgemeinde“ ausgeübt; die Parlamente haben bloß beratende und vorbereitende Aufgaben. In den übrigen Kantonen und auf Bundesebene werden kontroverse Fragen immer wieder in einer Volksabstimmung entschieden. Ist nur die „direkte“ Demokratie im eigentlichen Sinn eine „Demokratie“, eine „Herrschaft des Demos“, des „Volkes“? Der „emanzipatorische und egalitäre Kern der Demokratie“ werde „in den institutionalisierten Formen der Demokratie regelmäßig verfehlt“, schreiben die Herausgeber des neu erschienen Handbuchs zum Thema „Radikale Demokratietheorie“ gleich in der Einleitung. > mehr


10.10.2019 - RECHT

Wertentscheidung oder Leeerformel?

Die Menschenwürde im Streit um die Bioethik

Mit ihrem „Framing-Manual“, in welchem sie der ARD empfahl, sich der Öffentlichkeit in Zukunft unter Sprachformeln wie „unser gemeinsamer freier Rundfunk“ zu präsentieren, rief die Linguistin Elisabeth Wehling zwar viel Kopfschütteln hervor, erwarb sich aber auch ein Verdienst: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde darauf gelenkt, dass es nicht erst ganze Sätze sind, die unser Denken prägen. Bereits einzelne Wörter und Begriffe sind geeignet, uns in bestimmte Richtungen zu lenken: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein ‚Frame‘ aktiviert.“ An sich keine neue Erkenntnis, nur dass wir uns eben selten die Zeit nehmen, unser Denken sozusagen von außen zu beobachten. Die Mainzer Kulturwissenschaftlerin Theresia Theuke zeigt in ihrer Dissertation zum Begriff der „Menschenwürde“, die an der Universität Mainz erstellt wurde, dass die Debatte über das Thema Abtreibung, wie sie seit den 1960er Jahren in Deutschland geführt wurde, von solchen „Frames“ geprägt war. > mehr


03.10.2019 - MALEREI

Als die Kunst sich von gesellschaftlichen Zwecken frei machte

Vor 350 Jahren starb Rembrandt van Rijn

Glücklich die Gemäldegalerie, die ihren Besuchern einen „Rembrandt“ präsentieren kann! Möchte man jedenfalls meinen. Seit 1968 bereiteten die Bilder des holländischen Malers den Museumsdirektoren oft genug Schweißausbrüche. Immer wieder kam das „Rembrandt Research Project“ in Amsterdam zu dem Schluss, dieses oder jenes dem Meister zugeschriebene Werk sei in Wirklichkeit von einem Schüler oder Angestellten in seiner Werkstatt gemalt. Oder von einem Nachahmer, der Rembrandts Stil imitierte. Zum Beispiel von jenem bislang unbekannten Maler, der um 1650 oder 1655 den „Mann mit dem Goldhelm“ schuf, den weltberühmten „Ex-Rembrandt“ in der Berliner Gemäldegalerie. Er muss vom Stil seines Vorbilds derart fasziniert gewesen sein, dass er dessen Kunstgriffe nicht nur imitierte, sondern noch steigerte, vor allem den dicken, beinahe reliefartigen Auftrag der Farben. Er ist es vor allem, der dem Bild seinen geheimnisvollen Glanz verleiht, den Eindruck, dass in der sinnlichen Oberfläche etwas Hintergründiges durchscheint. > mehr


27.09.2019 - WIRTSCHAFT

Ein ganz besonderes Metall

Zur Weltgeschichte des Goldes

1324 brach der König von Mali, Musa Keita I., von Timbuktu aus zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Angeblich hatte er 60.000 Menschen in seinem Gefolge, jeder von ihnen soll Goldbarren von 1,8 Kilogramm Gewicht getragen haben. 80 Kamele, die jeweils mit 150 Kilogramm Gold beladen waren, wurden mitgeführt. Unterwegs verteilte Musa freigebig Almosen, so reichlich, dass in Ägypten der Goldpreis abstürzte. Die Folgen bekam der König auf der Rückreise selbst zu spüren: Mit dem Gold, das er noch übrig hatte, konnte er kaum die Reisekosten decken und musste bei Kaufleuten in Kairo Kredit aufnehmen. Die Zahlen werden übertrieben sein. Dass sich die ägyptische Währung noch zehn Jahre später von dem Überfluss an Edelmetall nicht erholt hatte, ist jedoch belegt. König Musa, meint der Tübinger Historiker Bernd-Stefan Grewe in seiner „Weltgeschichte des Goldes“, war vermutlich „der einzige Mensch, der jemals für sich allein den Goldpreis in weiten Teilen der bekannten Welt bestimmte“. > mehr


21.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Die Grenzen einer Friedensmacht zu vergrößern

Acht Jahrzehnte nach der Aufteilung Osteuropas zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion

„Die herrschenden Kreise haben Bankrott gemacht“, erklärte der sowjetische Außenminister Molotow am 17. September 1939 im Rundfunk. „Die Ereignisse, die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufen wurden, haben die innere Haltlosigkeit des polnischen Staates bewiesen.“ Der „polnisch-deutsche Krieg“ - damit war der deutsche Überfall auf Polen gemeint, für den die Sowjetunion mit dem Nichtangriffspakt vom 24. August dem Deutschen Reich Rückendeckung gegeben hatte. Die Sowjetregierung habe „dem Oberkommando der Roten Armee die Verfügung erteilt“, „die Grenze zu überschreiten und das Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westweißrusslands unter ihren Schutz zu nehmen.“ Mehr als zwei Wochen lang hatte die Sowjetunion nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September damit gewartet, die ihr im „Pakt“ zugesprochenen ostpolnischen Gebiete zu besetzen. > mehr


14.09.2019 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein Aristoteles der Moderne

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren

Einen „Brunnen mit vielen Röhren“ nannte ihn Goethe, „wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt“. Alexander von Humboldt, der am 14. September 1769, vor 250 Jahren, in Berlin geboren wurde, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie. Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als „Aristoteles unseres Zeitalters“ würdigen. > mehr


08.09.2019 - KULTURGESCHICHTE

Orientalischer Viktorianismus?

Die Abkehr des modernen Islams von seinen erotischen Traditionen

Wenn irgendwann um 1200 oder 1300 ein Reisender von einem fernen Stern die Erde besucht und seinen Auftraggebern dann hätte berichten sollen, in welchen Kulturen auf diesem Globus das größte wissenschaftliche und technische, damit vielleicht auch größte ökonomische und politische Potential zu vermuten sei – in Frage gekommen wären einerseits China, andererseits die islamische Welt. Und auch wenn wir unserem Reisenden einiges über das private Leben im Europa der Gegenwart erzählen würden, über das, was man „erotische Kultur“ oder „Sexualmoral“ nennt – er würde wohl kaum auf die Idee verfallen, ausgerechnet das mittelalterliche Abendland hätte sich in diese Richtung entwickeln können. Der gebürtiger Marokkaner Ali Ghandour, islamischer Theologe an der Universität Münster, hat jetzt ein Buch über die erotische Kultur im „klassischen“ Zeitalter des Islams vorgelegt. > mehr

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