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14.11.2017 - KUNST- UND LITERATURGESCHICHTE

"Der Jugend erste Blüte"

Das Motiv der Entjungferung in Kunst und Literatur

Ein blondes Mädchen, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, beugt sich weinend über sein totes Vögelchen. Mit Myrtenzweigen geschmückt, liegt der kleine Liebling wie aufgebahrt auf der Oberseite eines hölzernen Käfigs. „Welch reizende Elegie“, begeisterte sich der Schriftsteller Denis de Diderot 1765 in seiner Kritik dieses Gemäldes von Jean-Baptiste Greuze, das gerade im Pariser „Salon“ ausgestellt war. „Bald ertappt man [der Betrachter] sich dabei, wie man mit dieser Kleinen plaudert und sie tröstet.“ Man dürfe allerdings nicht glauben, schrieb Diderot einige Sätze später, „dieses kleine Mädchen beweine nur seinen Kanarienvogel“. Doch mit keinem Wort sagte der Kritiker, worum es seiner Meinung nach wirklich ging, er begnügte sich mit Andeutungen. „Nun ja, ich verstehe“, sagte er in einem fiktiven Dialog mit dem Mädchen, „er liebte Sie, er schwor es Ihnen […] Er litt so sehr. Wie kann man denn leiden sehen, was man liebt?“ > mehr

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10.11.2017 - IDEENGESCHICHTE

Persil und der Sarotti-Mohr

Genese und Gegenwart des Rassismus in Deutschland

Es ist eine der meistillustrierten Szenen der biblischen Geschichte: Jesus betete mit dreien seiner Jünger im Garten Gethsemane. Da „kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar von Männern […], sie waren von den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten und den Ältesten geschickt worden. Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es.“ Der Künstler des sogenannten Chichester-Psalters aus dem 13. Jahrhundert ließ sich neben den Heiligenscheinen für Jesus und seinen Jünger Petrus einerseits, den kappenförmigen „Judenhüten“ für die Häscher andererseits noch einen weiteren Kunstgriff einfallen, um in das Menschengewirr in seiner Miniatur Ordnung zu bringen: Er gab Jesus und dem Jünger eine helle Hautfarbe, den Häschern eine dunkle. > mehr


06.11.2017 - ZEITGESCHICHTE

100 Jahre Mythos Oktoberrevolution

Ein Sturm, der nicht stattfand - und dennoch die Weltgeschichte veraenderte

Auf einen Kanonenschuss des Panzerkreuzers "Aurora" hin stürmten frühmorgens am 7. November 1917 (es war der 25. Oktober des gregorianischen Kalenders) opferbereite Rotgardisten den ehemaligen Zarenpalast in Petrograd, in dem inzwischen die provisorische Regierung Russlands ihren Sitz hatte. Nach verlustreichen Kämpfen konnten sie das "Winterpalais" erobern. So hat sich die "Oktoberrevolution" in das kollektive Gedächtnis von Millionen und Abermillionen Menschen eingeprägt. Den Kanonenschuss gab es tatsächlich. Was allerdings den "Sturm" betrifft … Selbst die Sieger taten sich später schwer damit, das Geschehen heroisch zu verklären. Josef Stalin sprach in einem Buchvorwort etwas vage von der "verhältnismäßigen Leichtigkeit", mit der es der "proletarischen Revolution" in Russland gelungen sei, "die Ketten des Imperialismus zu sprengen und so die Macht der Bourgeoisie zu stürzen". > mehr


03.11.2017 - MALEREI

Kreativität als Aneignung und Verwandlung

In Wien ist Peter Paul Rubens' Umgang mit seinen Vorbildern zu studieren

Wenn man die großen Meisterwerke der Kunst doch gleich nebeneinander betrachten könnte, in einem einzigen Museumssaal … Welche Verwandtschaften über die Jahrhunderte hinweg da zu entdecken wären! Zum Beispiel ein Gemälde von Peter Paul Rubens‘ über die Ankunft der französischen Königin Maria de‘ Medici in Marseille aus den 1620er Jahren, heute im Pariser Louvre zu sehen: Die liebenswürdigen Najaden unten im Bild ähneln verdächtig einem mehr als anderthalb Jahrtausende älteren Werk, der Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen – der Darstellung des trojanischen Priester Laokoon und seiner beiden Söhnen, die von den Schlangen bedroht und getötet werden. So unwahrscheinlich uns eine Beziehung beider Werke zunächst einmal vorkommen will - Rubens wird sich tatsächlich bei dem Laokoon-Meister bedient haben. > mehr


30.10.2017 - THEOLOGIE

Vom Gnadenschatz der Heiligen zum modernen Pluralismus

500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag

Rom-Besucher werden sich erinnern: Nordöstlich des Kolosseums, auf dem „Colle Oppio“ (einem der römischen Hügel, die nicht zu den klassischen „Sieben“ gezählt werden), ist die „Domus Aurea“  zu sehen, der Palast des Kaisers Nero. In seinen Gärten ließ der Herrscher die Christen, denen er den Brand Roms anlastete, als lebende Fackeln leuchten. Die jüngere Vergangenheit findet sich im Oppius-Park durch ein Straßenschild repräsentiert. An seinem östlichen Rand entdecken die Touristen eine „Piazza Martin Lutero“. 2015, im Vorfeld des anstehenden Jubiläums von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, würdigte Roms Bürgermeister Ignazio Marino mit dieser Benennung den Reformator. Die evangelisch-lutherische Gemeinde der Stadt hätte einen anderen Ort bevorzugt, etwa eine Straße nahe der Piazza del Popolo im Norden der Altstadt, dort wo Martin Luther der Überlieferung zufolge 1510 oder 1511 im Augustinerkloster Quartier nahm. > mehr


29.10.2017 - IDEENGESCHICHTE

"Die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit"

Eine Universalgeschichte des Kommunismus

Im Chinesischen, berichtet der Historiker Gerd Koenen in seinem neuen Buch über die „Farbe Rot“, wird der Begriff „Kommunismus“ mit einer Umschreibung wiedergegeben, die etwa „die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“ bedeutet. Sollte diese Umschreibung tatsächlich das treffen, was wir in der Zeitgeschichte „Kommunismus“ nennen, wäre der viel kolportierte Satz, wer als junger Mensch kein Kommunist gewesen sei, könne kein Herz haben, eine pure Banalität. Koenen engagierte sich in den 1970er Jahren im maoistischen KBW, dem „Kommunistischen Bund Westdeutschland“. > mehr


18.10.2017 - JURISPRUDENZ

"Was die ganze Welt weiss, was die ganze Welt fuehlt"

Das Rechtsgefuehl in der Jurisprudenz und im Theater

„Bestraft wird“, verordnete 1935 die nationalsozialistische Reichsregierung in ihrem „Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches“, „bestraft wird, wer eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Strafe verdient.“ Für den Richter, so erläuterte der Rechtsgelehrte Heinrich Lange, stelle sich die „hohe Aufgabe, das Recht nicht nur verstandesmäßig zu erfassen und anzuwenden, sondern aus der Gemeinschaftsverbundenheit heraus das deutsche Recht zu erfühlen und zu erfassen.“ Seitdem steht jede Reflexion über die Bedeutung von Gefühl oder Empfinden für die Juristerei unter einem Anfangsverdacht. > mehr


14.10.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Bisschen schneller sein als die Schnecke"

Zum 90. Geburtstag von Guenter Grass

Für große Teile der Literaturszene damals in Deutschland muss es eine Art von Weltuntergang gewesen sein. „Ich denke, dass ich keine Helden mehr habe“, schrieb der Journalist Franz Josef Wagner am 14. August 2006 in der „Bild“-Zeitung. Ob es Wagner mit seinem Ausrufen einer Heldendämmerung ganz ernst war, ist nicht so wichtig. Er wird gespürt haben, dass er vielen Lesern aus dem Herzen sprach: Ich denke, „dass ich traurig bin, weil es Günter Grass nicht mehr gibt“. Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ war noch gar nicht auf dem Markt. Doch wenige Tage zuvor war in der „FAZ“ ein Interview von Franz Schirrmacher und Hubert Spiegel mit dem Nobelpreisträger erschienen, überschrieben „Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche“, „Günter Grass spricht zum ersten Mal über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS“. > mehr


09.10.2017 - PRAEHISTORISCHE KUNST

Die Erfindung von Kunst und Musik

Vor 40.000 Jahren entstanden auf der Schwaebischen Alb die ersten Menschen- und Tierfiguren

Es war vor etwa 40.000 Jahren. Im spanischen Kantabrien und in der französischen Ardèche entstanden die frühesten Höhlenmalereien, etwa gleichzeitig in Südwestdeutschland die ersten plastischen Kunstwerke, kleine geschnitzte Figuren aus Mammutelfenbein. „Als der Mensch die Kunst erfand“, haben die beiden Archäologen Nichola J. Conard von der Universität Tübingen und Claus-Joachim Kind vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg ihren neuen Bildband über die Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb überschrieben. Und auch die Musik, wäre zu ergänzen. Einige Musikinstrumente, Flöten aus Vogelknochen oder Elfenbein, die auf der Alb gefunden wurden, sind sogar noch älter, stammen aus der Zeit vor 43.000 Jahren. > mehr

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