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14.09.2019 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein Aristoteles der Moderne

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren

Einen „Brunnen mit vielen Röhren“ nannte ihn Goethe, „wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt“. Alexander von Humboldt, der am 14. September 1769, vor 250 Jahren, in Berlin geboren wurde, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie. Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als „Aristoteles unseres Zeitalters“ würdigen. > mehr

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08.09.2019 - KULTURGESCHICHTE

Orientalischer Viktorianismus?

Die Abkehr des modernen Islams von seinen erotischen Traditionen

Wenn irgendwann um 1200 oder 1300 ein Reisender von einem fernen Stern die Erde besucht und seinen Auftraggebern dann hätte berichten sollen, in welchen Kulturen auf diesem Globus das größte wissenschaftliche und technische, damit vielleicht auch größte ökonomische und politische Potential zu vermuten sei – in Frage gekommen wären einerseits China, andererseits die islamische Welt. Und auch wenn wir unserem Reisenden einiges über das private Leben im Europa der Gegenwart erzählen würden, über das, was man „erotische Kultur“ oder „Sexualmoral“ nennt – er würde wohl kaum auf die Idee verfallen, ausgerechnet das mittelalterliche Abendland hätte sich in diese Richtung entwickeln können. Der gebürtiger Marokkaner Ali Ghandour, islamischer Theologe an der Universität Münster, hat jetzt ein Buch über die erotische Kultur im „klassischen“ Zeitalter des Islams vorgelegt. > mehr


02.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Louisiana, Alaska - und Grönland?

Immobiliengeschäfte in der Weltgeschichte

Als sich die Regierung des Zarenreiches 1867 entschloss, ihr Territorium im Nordwesten Amerikas zu veräußern, wandte sie sich zunächst an Johann II., Fürst von und zu Liechtenstein. Die Liechtensteiner Dynastie war für ihre Finanzkraft bekannt. Sie könnte doch daran interessiert sein, wird man sich in Sankt Petersburg gedacht haben, ein großes Territorium zu erwerben, gegen eine kräftige Zahlung an den klammen russischen Staatshaushalt, versteht sich. Doch Johann lehnte ab, weil eine Erschließung Alaskas das Ländchen womöglich doch überfordert hätte. Im Hause Liechtenstein sei die Offerte noch lange danach diskutiert worden, teilte sein Nachfolger Hans-Adam II. 2018 der Presse mit. Wer weiß, vielleicht hätten sich die Fürsten mit Alaska sogar einen Königstitel zulegen können. Ein Dokument, mit dem sich das Kaufangebot beweisen ließe, wurde bislang allerdings nicht gefunden; große Teile des Liechtensteiner Familienarchivs gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. > mehr


27.08.2019 - RITUALFORSCHUNG

Die große Lehrmeisterin der Festumzüge und Prozessionen

Religiöse Elemente in der säkularisierten Moderne

„Hic inter monachos quiescit, qui nunquam contra monachos quievit", ersann 1778, nach dem Tod Voltaires, ein witziger Verehrer als Grabschrift: „Unter Mönchen ruht hier einer, der den Mönchen niemals Ruhe gönnte.“ Da zu befürchten war, dass die Geistlichkeit ein ordentliches Begräbnis des Spötters verhindern würde, hatte sein Neffe, der Abbé Mignot, den einbalsamierten Leichnam heimlich aus Paris in die Abtei Scellières in der Champagne schaffen lassen. 13 Jahre später wurde Voltaires Mumie exhumiert und am 11. Juli 1791 in einem feierlichen Triumphzug ins Pariser Pantheon überführt. Es gab heftige Diskussionen: „Während die Voltaire-Anhänger die Unversehrtheit der Mumie als symbolischen Ausdruck der moralischen Überlegenheit des Philosophen priesen, agitierten die Gegner umgekehrt, indem sie auf die stinkenden und nicht mehr intakten Überreste schimpften.“ Der Nationalversammlung wurde eine Petition vorgelegt, die gegen solche „heidnischen“ Zeremonien protestierte. > mehr


22.08.2019 - FRÜHGESCHICHTE

Als die Menschen das Knie noch nicht zu beugen wussten

Aus der Frühgeschichte der Zivilisation

Der Name Jean-Jacques Rousseau kommt in dem neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers James S. Scott nicht vor. Aber tatsächlich hat Scott so etwas wie eine Neubearbeitung von Rousseaus Traktat „Über die Wissenschaften und die Künste“ vorgelegt. 1749 provozierte Rousseau die europäischen Intellektuellen mit der Behauptung, alles in allem habe der „Fortschritt“ die Lage der Menschen keineswegs verbessert: In der modernen Gesellschaft sei der Mensch durch die Konventionen gefesselt, im Naturzustand habe er frei gelebt. In den letzten zweieinhalb Jahrhunderten hat die Archäologie unser Wissen um die Frühgeschichte enorm erweitert, Die Bewertung des Forschers von der Yale University, der nun ein Buch über die Entstehung der ersten Staaten im Mesopotamien des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr., fällt jedoch wiederum „rousseauistisch“ aus: Das Leben außerhalb des Staates, „das Leben als Barbar“, sei „materiell gesehen, häufig leichter, freier und gesünder gewesen als das Leben innerhalb der Zivilisation“. > mehr


17.08.2019 LITERATURGESCHICHTE

Wenn Künstler scheitern

Über verhinderte Projekte in Literatur- und Filmgeschichte

„Habent sua fata libelli“, heißt es in einem römischen Lehrgedicht über die Poesie aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., „Bücher haben ihre Schicksale“. Nämlich je nachdem, was das Publikum daraus macht, wollte der Verfasser, der Grammatiker Terentianus Maurus, sagen: Hat der Schriftsteller sein Werk erst einmal aus der Hand gegeben und veröffentlicht, entzieht sich das „Schicksal“ des Buches in der Öffentlichkeit seinem Einfluss. Der Satz gilt aber bereits vor der Publikation, zeigt der Sammelband über „Verhinderte Meisterwerke“ in Literatur und Film, den die Literaturwissenschaftler der Universität Bamberg jetzt herausgebracht haben. Ziemlich oft entfaltet das „Werk“ einen Eigenwillen, während es noch gar nicht geschrieben ist, sondern lediglich als Projekt im Kopf seines Autors existiert. Das ist besonders auffällig, wenn das geplante Buch sich gegen seine Realisierung hartnäckig sperrt. > mehr


12.08.2019 - NEUERE GESCHICHTE

Der größte Mann aller Jahrhunderte oder des Satans ältester Sohn?

Napoleon und die Deutschen

Als Ende Oktober 1813, wenige Tage nach der „Völkerschlacht“ von Leipzig, der österreichische Feldzeugmeister Graf Colloredo den großherzoglichen Hof in Weimar besuchte, ließ er sich im Haus des Ministers Johann Wolfgang von Goethe einquartieren. Um seinen Gast zu ehren, trat Goethe ihm mit dem höchsten Orden auf der Brust entgegen, den er zur Verfügung hatte, dem Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion. Colloredo war außer sich. „Pfui, Teufel“, rief er aus, „wie kann man so etwas tragen?“ Am Weimarer Hof hatte man dem Dichter seine Bewunderung für Napoleon als eine Marotte durchgehen lassen. Aber gerade unter den Literaten stand er damit allein auf weiter Flur. „Schlagt ihn tot, das Weltgericht/ fragt euch nach den Gründen nicht“, dichtete Heinrich von Kleist 1809 in seiner Ode „Germania an ihre Kinder“ – nämlich den „Wolf“, wie Kleist den Kaiser titulierte. Ernst Moritz Arndt nannte ihn „des Satans ältesten Sohn“. > mehr


07.08.2019 - WIRTSCHAFT

Als der Fahrstuhl nach oben den Dienst versagte

Der Trierer Historiker Lutz Raphael über den Abschied vom Malocher

Die Zahlen sind frappant. 1960 lag der Anteil der Industrie an der wirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland noch bei 53 Prozent. Stahlwerke, Kohlezechen, Schiffswerften und Textilfabriken bildeten das „Rückgrat der Volkswirtschaft“. Bis 2012 sank dieser Satz auf 30 Prozent, ganze Betriebe und Produktionszweige verschwanden. In Frankreich vollzog sich parallel eine ähnliche Entwicklung. In Großbritannien, dem Ursprungsland der industriellen Revolution, hatte sich der Trend bereits einige Jahre früher bemerkbar gemacht. Bereits seit den 1960ern gingen industrielle Arbeitsplätze verloren. Vor einem halben Jahrhundert war der „typische“ Bewohner Westeuropas Industriearbeiter, heute sind die meisten Menschen in Dienstleistungsberufen tätigt. Ein „Abschied vom Malocher“ bringt der der Historiker Lutz Raphael von der Universität Trier die Entwicklung auf den Punkt: Die Länder Westeuropas wurden partiell „deindustrialisiert“. > mehr


02.08.2019 - LITERATURGESCHICHTE

Böse Bücher, böse Buben

Toxisches in der Literatur- und Ideengeschichte

Im Dezember 2016 erschien in der „Zeit“ eine Karikatur, auf der Trump, Putin und Berlusconi Zigaretten rauchend beieinander sitzen und diskutieren. Auf dem Tisch, unter dem Aschenbecher, liegt das Buch „Agonie des Realen“ von dem französischen Philosophen Jean Baudrillard. In dem aufgeschlagenen Band auf Trumps Oberschenkel ist „Anything Goes“zu lesen, jener Satz, der in den 1970er Jahren als Fazit des Traktats „Wider den Methodenzwang“ von dem österreichischen Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend um die Welt ging. Die beiden „klassischen“ Abhandlungen, sollte die Zeichnung wohl suggerieren, hätten den drei Herren – und womöglich der populistischen Bewegung insgesamt – als Vorlagen für die Ausrufung eines „postfaktischen“ Zeitalters gedient. Nun ist zu unterstellen, dass Baudrillard und Feyerabend bei ihren Reflexionen über die Schwierigkeiten unseres Realitätsverständnisses dergleichen keineswegs im Sinn hatten. Aber ihre Bücher, einmal auf dem Markt, entfalteten ein Eigenleben, unabhängig von den Absichten ihrer Verfasser. > mehr


28.07.2019 - AMERIKANISCHE LITERATUR

Ein Walfänger war mein Yale und mein Harvard

Vor 200 Jahren wurde Herman Melville geboren, der Verfasser von Moby Dick

Man kann sich eben auf gar nichts verlassen, nicht einmal auf die renommierten Lexika. In seiner vierten Auflage aus dem Jahr 1889 behauptete „Meyers Konversationslexikon“, Herman Melville, der Autor der beliebten Südsee-Romane „Taipi“ und „Omu“, sei 1874 verstorben. Als Melville 1891 dann wirklich starb, war er beim Publikum in einem Maße vergessen, wie es sonst zu Lebzeiten kaum einem anderen großen Autor geschah. 1883 hatte Robert Stevenson 1883 seine „Schatzinsel“ geschrieben. Nach dem Bibelspruch, dass gestohlenes Wasser süß schmeckt, bediente er sich freizügig bei den Werken anderer Autoren, angefangen bei Defoes „Robinson Crusoe“, und räumte diese Entlehnungen bald danach auch freimütig ein. Melvilles „Moby Dick“ zu erwähnen, hielt er offenbar für unnötig, in der Voraussetzung, meinte später Rolf Hochhuth, dass den ohnehin niemand sonst gelesen hätte. Heute werden Melvilles Südsee-Romane immer noch gelesen. „Moby Dick“ dagegen gehört wie einige der späten Erzählungen unbestritten zur Weltliteratur. > mehr

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