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11.08.2020 - KULTURGESCHICHTE

Weit von des Pöbels Lüsten ...

Einsamkeit - zwischen Vereinsamung und gelehrter Musse, Seelenruhe und Selbstzerstörung

Im Januar 2018 erweiterte die britische Premierministerin Theresa May das Ressort ihrer Sportministerin Tracey Crouch um die Zuständigkeit für „lonelinesse“. Oder eigentlich: gegen „loneliness“, gegen „Vereinsamung“. In ihrer Begründung sprach May von einer „traurigen Realität des modernen Lebens“ und von einer „Herausforderung“ für die Gesellschaft: Millionen Menschen hätten „niemanden, mit dem sie reden oder ihre Gedanke und Erfahrungen teilen“ könnten. In der deutschen Presse wurde „loneliness“ gelegentlich auch mit „Einsamkeit“ übersetzt. Dieser Ausdruck, erläutert die Amerikanistin Ina Bergmann von der Universität Würzburg, deckt jedoch ähnlich wie das englische „solitude“ einen viel größeren Bereich ab: Damit kann auch ein Dasein ohne unerwünschte Störungen gemeint sein – keine defizitäre Lebensform, sondern vielmehr ein Sehnsuchtsziel. Gemeinsam mit der Germanistin Dorothea Klein hat Bergmann einen Sammelband zu diesen verschiedenen und gegensätzlichen Aspekten des Themas „Einsamkeit“ in der Literatur-, Kunst und Religionsgeschichte herausgebracht. > mehr

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06.08.2020 - KULTURTHEORIE

Dreadlocks, Indianerkostüme und die Mädchen von Avignon

Das Verbrechen der kulturellen Aneignung

Der Vorhang ist zurückgezogen, fünf nackte oder halbnackte junge Frauen präsentieren sich dem Betrachter. Offenkundig eine Bordellszene: Der Kunde, den man sich vor dem Bild zu denken hat, ist gerade eingetreten und will nun seine Wahl treffen. Nicht in Avignon, wie der heute gebräuchliche Titel, „Les Demoiselles d‘Avignon“, suggeriert, sondern in der Carrer d‘Avinyó in Barcelona, wo Picasso damals, in den Jahren 1906 und 1907, lebte. Bei den Zeitgenossen erregte das Bild, das heute als Beginn der modernen Malerei gilt, einen Schock: Der Raum ist in keiner Weise perspektivisch gestaltet, es fehlt auch jede klare Lichtführung, die Komposition besteht aus Kuben, die unvermittelt nebeneinander gesetzt sind. Was die Betrachter ebenso verstörte: Die Mädchen sind zwar hellhäutig und tragen langes schwarzes Haar. Doch die Gesichter der drei auf der linken Seite hat Picasso „archaisiert“: Sie sind altiberischen Skulpturen nachgebildet. Und die Gesichter der beiden rechts sind „exotisiert“: Sie ähneln afrikanischen Masken, wie der Maler sie während seiner Arbeit an dem Bild bei einem Besuch im Ethnographischen Museum des Pariser Palais du Trocadéro zu sehen bekam. > mehr


02.08.2020 - GESCHICHTE

Als das Judentum sein Zentrum verlor

Vor 1.950 Jahren wurde im Jüdischen Krieg der Jerusalemer Tempel zerstört

Die Bevölkerung in der belagerten Stadt hungerte. Die Festung Antonia hatten die Römer bereits eingenommen, von dort aus war mit Schusswaffen auch der benachbarte Tempel zu kontrollieren. Nach allem menschlichen Ermessen war die Einnahme Jerusalems nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber Titus wollte seine Soldaten nicht in Straßenkämpfen aufopfern. Als er am 6. August des Jahres 70 n. Chr. die Nachricht erhielt, im Tempel hätten die Priester das tägliche Opfer nicht mehr abhalten können, entschloss er sich nochmals zu einem Versuch, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen. Die Gelegenheit schien günstig. Im Gefolge des Feldherrn gab es Juden, die sich mit der römischen Herrschaft abgefunden hatten. Titus wird also gewusst haben, welche Bedeutung der Tempeldienst für die Juden hatte. Ihrer Überlieferung zufolge wurde er seit über 1.130 Jahren, seit den Tagen des Königs Salomo, ohne Unterbrechung abgehalten. Wenn er nun erstmals zum Erliegen gekommen war, musste das die Bevölkerung der Stadt aufs tiefste demoralisieren. > mehr


27.07.2020 - THEATER

Der Ruf des Todes und die tiefe Freude am Theater

100 Jahre Salzburger Festspiele

Als er an einem Winterabend mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerte sich später der Musikkritiker Paul Stefan, über den tief verschneiten Salzburger Domplatz ging, begegnete er dort dem Theaterregisseur Max Reinhardt. „Was meinen Sie, lieber Doktor“, sagte Reinhardt, „gerade hier, wo wir jetzt gehen, möchte ich einmal den ‚Jedermann‘ geben.“ Den „Jedermann“ – 1911 hatte Reinhardt die Neubearbeitung des mittelalterlichen Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal in Berlin erstmals auf die Bühne gebracht. Doch mit der Wirkung des Stücks auf einer „normalen“ Bühne war Reinhardt nicht zufrieden. Der Salzburger Domplatz ließ ihn träumen: der Eingang der Kirche mit den riesigen Heiligenfiguren als Kulisse, der Ruf des Todes von der Festung Hohensalzburg herab, übertragen durch ein Mikrophon, das Dröhnen der Kirchenglocken zum Schluss des Spiels … Anderthalb Jahre nach Ende des Weltkriegs konnte Reinhardt seinen Traum endlich verwirklichen. Alles erschien „wie ein Selbstverständliches“, begeisterte sich der Regisseur noch zwei Jahrzehnte nach der Aufführung aus dem amerikanischen Exil. Selbst die Geistlichen und Ordensleuten, die von den Fenstern des Petersstifts aus zuschauten, wirkten für das Publikum unt


22.07.2020 - SPORT

Coubertins Träume von einer neuen Aristokratie des Leibes

... und die Olympischen Spiele der Neuzeit

Rund um den Titel „olympische spiele“, modisch mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben, stehen auf dem Einband allerlei Schlagwörter, die in diesen Zusammenhang gehören, von „pierre de coubertin“ über „tv-einnahmen“ bis zu „ethik des sports“. Auch Begriffe zur Historie wie „berlin 1936“ und „münchen 1972“. Und dann, ganz aktuell, „tokio 2020“. Am 24. Juli dieses Jahres hätte es wieder soweit sein sollen, mit den 32. Olympischen Spielen der Neuzeit. Doch dann kam Corona. Pünktlich zum ursprünglich vorgesehenen Ereignis hat der Sportsoziologie Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin jetzt einen knappen Abriss zur Geschichte dieser Mega-Events vorgelegt. Es ist über weite Strecken ein sehr persönliches Buch geworden, ein Wechselspiel zwischen Begeisterung für den Sport und Frustration durch politische oder ökonomische Vereinnahmung. 1965, während er sich selbst als Leistungssportler im Weitsprung betätigte, erinnert sich Gebauer, sagte ihm ein „freundlicher Herr“ nach einigen guten Wettkampfergebnissen eine große Zukunft voraus. „Ich wusste nicht, was er mit mir vorhatte, war aber darauf gespannt.“ > mehr


17.07.2020 - GESCHICHTE

Noah betete, Hams Farbe möge sich verändern

Sklaverei und Hautfarbenrassismus seit dem Mittelalter

Als der französische Jurist Alexis de Tocqueville und sein Begleiter Gustave de Beaumont 1831 in die USA reisten, war eine ihrer Fragen, wie sich die ehemaligen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft einfügten, die der Theorie nach ja als eine Gesellschaft der Freien und Gleichen angelegt war. In Pennsylvania war die Sklaverei bereit 1779 abgeschafft worden, in New York wurde sie 1827 verboten. In Maryland bestand sie noch, hatte jedoch faktisch keine große Bedeutung mehr. Doch wie Tocqueville und Beaumont beobachteten, war die Tendenz, die Schwarzen für minderwertig zu erklären und sozial zu benachteiligen, so stark, dass sie die Institution der Sklaverei überdauern konnte. Zum Beispiel in Pennsylvania konnten die Schwarzen nicht einmal an den Wahlen teilnehmen, Begründung: Die öffentliche Meinung unter den Weißen sei dagegen. Als Tocqueville später sein großes Werk über die „Demokratie in Amerika“ schrieb, zog er ein sehr pessimistisches Fazit: „Die Ungleichheit setzt sich in dem Maß in den Sitten fort, als sie aus den Gesetzen verschwindet.“ > mehr


13.07.2020 - KIRCHENGESCHICHTE

Keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung, wenn es um die Wahrheit geht

Vor 150 Jahren wurde das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit verkündet

Der kroatische Bischof Joseph Georg Stroßmayer griff zu einem drastischen Vergleich: „Die römischen Kaiser wurden durch einen servilen Senat zum Gott erhoben. Heute macht sich jemand selbst zum Gott, und wir sollen es unterschreiben.“ Stroßmayers Rede auf dem Ersten Vatikanischen Konzil löste einen Sturm der Entrüstung aus. Von anderen Bischöfen, die für das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, der „Infallibilität“, eintraten, wurde er als „Protestant“ beschimpft. Und natürlich wurde sein Gedanke von der anti-katholischen Publizistik der Zeit gern aufgegriffen. Radikale unter den Befürwortern des Dogmas wiederum versuchten, das Argument ins Positive zu wenden. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes – es ist das, was sich der Mitwelt und Nachwelt vom Ersten Vatikanischen Konzil 1870/71 eingeprägt hat. > mehr


09.07.2020 - RECHT

Globale Freizügigkeit vs. kollektive Assoziationsfreiheit

Rechtliche und ethische Fragen rund um Migration und Asyl

Als Zar Alexander II. in den 1860er Jahren einen Anlauf zur Modernisierung seines Reiches nahm, war es eine seiner Maßnahmen, dass er einem Großteil der Juden, nämlich jenen mit gehobenem Einkommen oder höherer Bildung, das Recht auf Freizügigkeit gewährte. Diese vorsichtige Liberalisierung währte allerdings nicht lange. Nachdem Alexander 1881 einem Attentat zum Opfer gefallen war, hob sein Nachfolger viele der Reformen wieder auf, darunter auch die partielle Gleichberechtigung der Juden. In den folgenden Jahren, berichtet der Rechtswissenschaftler Paul Tiedemann von der Universität Gießen, entschlossen sich Zehntausende von Juden, aus dem Zarenreich in die USA auszuwandern. In der Regel über England, wo sich viele dann auch niederließen, etwa weil sie die Mittel für die Weiterreise nicht aufbringen konnten. Der „Aliens Act“, den das britische Parlament 1905 beschloss, gilt heute als Beginn der modernen Gesetzgebung zum Thema „Migration“ und „Asyl“. > mehr


03.07.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Satire ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht

Zu Theorie und Geschichte einer literarischen Form

Wissen Sie, was im wilhelminischen Kaiserreich ein „Sitzredakteur“ war? 1874 hatte das „Reichspressgesetz“ die Zensur aufgehoben. Um bei Gesetzesverstößen jemanden zur Verantwortung ziehen zu können, wurden alle Herausgeber „periodischer Druckschriften“ dazu verpflichtet, im Impressum einen „verantwortlichen Redakteur“ zu nennen. Eine gefährliche Stellung – weit über die Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung hinaus, die auch heute der Pressefreiheit Schranken setzen, nahmen Behörden und Gerichte damals vor allem das Delikt der Majestätsbeleidigung oft als gegeben an. Das brachte die Redaktionen immer wieder in die Lage, dass sie eine Weile ohne ihre wichtigsten Autoren auskommen mussten. Bei einigen Zeitungen griff man deshalb zu dem Trick, irgendjemanden bloß dafür zu bezahlen, dass er die Strafe „absaß“. Die Mächtigen zu kritisieren, ist gefährlich. Dass diese Gefahr in den europäischen Staaten nach und nach zurückgedrängt wurde, gehört zu den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne. > mehr

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