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19.09.2017 - MITTELALTER

Der König, der seine eigene Legende inszenierte

Das Historische Museum der Pfalz zeigt eine Ausstellung über Richard Löwenherz

Für einige Monate verwandeln sich die Ausstellungsräume des Historischen Museums der Pfalz sozusagen in den Vorplatz von Westminster. Aus dem Besitz von Her Majesty Queen Elizabeth II ist die verkleinerte Nachbildung des Bronzedenkmals für König Richard Löwenherz, das seit 1860 vor den Houses of Parliament steht, nach Speyer gekommen, in die Landesausstellung Rheinland-Pfalz über König Richard Löwenherz. Mit hoch erhobenem Schwert reitet Richard – im Original ist er einschließlich Pferd und Podest neun Meter hoch – dem Feind entgegen. Richard Löwenherz – „bis in die heutige Zeit dominiert im öffentlichen Bewusstsein das legendenhaft verklärte Bild vom idealen Ritter und tatkräftigen König“, konstatiert die Historikerin Sabine Kaufmann. > mehr

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17.09.2017 - KALENDER

Neujahr, bevor der Herbst beginnt

Allerlei Jahresanfaenge - eine Tour d'horizon durch die Kalendersysteme

Am 21. September ist Neujahr. Wenn Sie das nicht glauben wollen: Es hat schon seine Richtigkeit. Die Juden beginnen am 21. September 2017 das Jahr 5778 nach Erschaffung der Welt, die Muslime am selben Tag das Jahr 1439 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Der Islam rechnet mit einem Jahr von zwölf Monaten, die in ihrer Länge jeweils etwa dem Mondzyklus entsprechen. Die Summe ist jedoch gegenüber dem Sonnenjahr um ca. elf Tage zu kurz, der Neujahrstermin wandert also durch das gregorianische Jahr. Das Judentum legt ebenfalls ein Mondjahr zugrunde. Aber etwa alle drei Jahre wird ein dreizehnter Monat eingeschaltet, damit die Übereinstimmung mit dem Wechsel der Jahreszeiten erhalten bleibt. Neujahr liegt damit immer im September oder Oktober. > mehr


12.09.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Husumerei", die sich zum Grossartigen steigert

Vor 200 Jahren wurde Theodor Storm geboren

„Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz“, heißt es in einem der letzten Gedichte von Theodor Storm. „Du sagst dir selber: Es ist nichts! Und dennoch will es dich nicht lassen.“ Sein Arzt hatte dem fast 70-jährigen Dichter sagen müssen, dass er an Magenkrebs litt. Storm verfiel in tiefe Depression, er befürchtete, mit der Novelle, an der er gerade arbeitete, dem „Schimmelreiter“, nicht mehr fertig zu werden. Da taten sich drei Ärzte aus seinem Freundeskreis zusammen und beschlossen, ihm eine neue „Diagnose“ zu stellen: Keine Rede von Krebs, die Magenbeschwerden seien harmlos. Storm ließ sich nur zu gern täuschen. Als er im folgenden Jahr, am 4. Juli 1888, verstarb, hatte er den „Schimmelreiter“ noch vollenden können. Vor zwei oder drei Generationen war Theodor Storm, der am 14. September seinen 200. Geburtstag feiern könnte. > mehr


07.09.2017 - MEDIENGESCHICHTE

Kurz gesagt und lang gedacht?

Kleine Formen, kurze Texte, von den Vorsokratikern bis zum Twittern

Ein Haiku umfasst genau 31 Silben, ein Limerick fünf Zeilen, eine SMS, „Short Message“, höchstens 160 Zeichen, ein Tweet höchstens 140. „Kurzformen“ nennen die Philologen dergleichen. In diesen Fällen ist die Quantität sogar in Zahlen gefasst, ansonsten bleibt der Begriff der Kürze eher fließend. Als „kurz“ empfinden wir Texte, die wir in einem einzigen Durchgang aufnehmen können, sozusagen ohne innerlich zwischendurch Atem holen zu müssen, also zum Beispiel Witze, Anekdoten, Rätsel, Aphorismen. „Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten sein“, zitiert die Potsdamer Romanistin Patricia A. Gwozdz einen der großen Aphoristiker, Friedrich Nietzsche. „Kann“, wohlgemerkt, nicht „muss“. Als in den 1980er Jahren die SMS entwickelt wurde, orientierten sich die Urheber angeblich an dem Modell Postkarte. Aller Erfahrung nach genügten 160 – oder wie später beim Twittern 140 – Anschläge, um Kurzmitteilungen abzusetzen. > mehr


01.09.2017 - ZEITGESCHICHTE

Die westlichen Demokratien in der Zerreissprobe

Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler legt eine Geschichte unserer Gegenwart vor

Uns ist nicht bange“, sagte Thomas Mann im Juni 1953 vor Hamburger Studenten, „dass die wirkende Zeit nicht ein geeintes Europa bringen wird mit einem wiedervereinigten Deutschland in seiner Mitte.“ Und dann folgte ein Satz, der seit 1989 in Deutschland zu den am meisten zitierten Worten des gesamten 20. Jahrhunderts gehört. Mann forderte die „deutsche Jugend“ auf, sich „nicht zu deinem deutschen Europa“ zu bekennen, sondern „zu einem europäischen Deutschland“. Der Name Thomas Mann kommt in dem neuen Buch des Berliner Historikers Heinrich August Winkler „Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ nicht vor. Aber unvermeidlich steht im Hintergrund dieses Buches auch die Frage, inwieweit die deutsche Politik dieser Krise, die als solche ja unbestreitbar ist, nicht genügend entgegengewirkt, sie womöglich sogar mitverschuldet hat. Statt von „Europa“ spricht Winkler allerdings lieber vom „Westen“, also von jenem Teil Europas, der im Mittelalter von der römischen Kirche geprägt wurde und dann in der Neuzeit Reformation und Aufklärung durchlebte. > mehr


29.08.2017 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Der Dichter, der den Grossstadtschmutz in poetisches Gold verwandelte

Vor 150 Jahren starb Charles Baudelaire

„Du hast mir deinen Schmutz gegeben, und ich habe daraus Gold gemacht.“ Es war die Stadt Paris, die Charles Baudelaire 1861 in einem Epilog zur zweiten Auflage seiner Gedichtsammlung „Die Blumen des Bösen“ anredete. Die Richter, die aus der ersten Auflage 1857 sechs Gedichte auf den Index setzten, wollten nur den „Schmutz“ sehen. Nicht etwa, dass sie am Schmutz selbst Anstoß genommen hätten, am sozialen Elend in der Großstadt – sie störten sich vielmehr daran, dass er Eingang in die Poesie gefunden hatte. Sie nahmen sie einige Gedichte heraus, die „durch einen krassen und das Schamgefühl verletzenden Realismus notwendig zur Aufreizung der Sinne führen“ müssten. Baudelaire wurde wegen „Verhöhnung der öffentlichen Moral und der guten Sitten“ zu einer Geldstrafe verurteilt. Baudelaires spätere Bewunderer haben oft nur das „Gold“ gewürdigt. Vor allem durch die Übertragungen von Stefan George wurde der Dichter, der vor 150 Jahren, am 31. August 1867, im Alter von nur 46 Jahren in Paris starb, auch in Deutschland zum Inbegriff einer „reinen, mit keinem falschen Ton vermischten“, sich autonom und absolut setzenden Poesie. > mehr


19.08.2017 - ETHIK

Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft - das Wichtigste, was wir zu vergeben haben

Ethische Diskussionen ueber ein Recht auf Immigration

Nehmen wir einmal an, nach einem mit Atomwaffen geführten Krieg wäre die Oberfläche der Erde durch Radioaktivität verseucht. Einige tausend Menschen haben sich rechtzeitig in Bunker eingekauft, die ihnen für ein paar Jahre ein Leben und Überleben ermöglichen, vielleicht sogar, bis sie wieder auf die Oberfläche zurückkehren können. Störend für die Bewohner ist allerdings, dass ihnen auf Fernsehkameras vor Augen geführt wird, wie andere sich vor dem Eingang drängen und um Aufnahme bitten. Müssen sie draußen bleiben, werden viele von ihnen an den Krankheiten, die durch die Strahlung entstehen, sterben. Der australischer Philosoph Peter Singer hat dieses Szenario bereits vor einem Vierteljahrhundert entworfen. Die Lage der Flüchtlinge aus den „unterentwickelten“ Ländern, schrieb Singer, sei kaum besser als die der Menschen vor dem Bunker. > mehr


14.08.2017 - RELIGIONSGESCHICHTE

Verheissung und Erfuellung

Die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth ueber die Entstehung des Korans

„Folget dem Weg Abrahams“, heißt es in der 2. Sure des Korans, „denn er war keiner der Götzendiener.“ Darin lag das zentrale Anliegen Mohammeds: Er wollte die Religion des Patriarchen Abraham, wie er sie sah, getreu wiederherstellen, ähnlich wie neun Jahrhunderte später im Christentum Martin Luther sich zum Vorsatz nahm, die Lehre Jesu Christi von allem, was er als spätere Verfremdung betrachtete, zu „reinigen“. Dabei stellte die biblische Tradition aber nur einen Faktor des Spannungsfeldes dar, in dem die „koranische Verkündigung“ sich entfaltete. Daneben, betont die Berliner Arabistin und Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, wirkten die traditionelle Kultur der arabischen Halbinsel und – im Laufe von Mohammeds Leben immer mehr hervortretend – das Projekt einer eigenen „Gemeindebildung“. > mehr


09.08.2017 - KULTURGESCHICHTE

Vom militaerischen Training zum Event

1000 Jahre Ritterspiele

Als sich die westeuropäischen Ritter im Jahr 1096 zum Ersten Kreuzzug sammelten, da führten viele von ihnen außer ihren Waffen und ihrer Entschlossenheit, das Heilige Land von den Ungläubigen zu „befreien“, noch etwas anderes im „Gepäck“ mit. Einige Jahrzehnte zuvor war in Nordfrankreich die Gewohnheit aufgekommen, dass ganze Rittergruppen in voller Rüstung und mit eingelegter Lanze zu Pferde gegeneinander antraten, um Kampf und Krieg einzuüben. Binnen weniger Jahre verbreitete sich das „Turnier“ von Nordfrankreich aus über das ganze westliche Europa. Bald bildete sich eine „elitäre“ Nebenform heraus, der Kampf einzelner großer Helden, der dem eigentlichen Turnier zunächst voranging, es dann oft aber auch verdrängte. > mehr


04.08.2017 - ANTIKE

Das Imperium Romanum auf dem Hoehepunkt seiner Macht

Vor 1.900 Jahren starb Kaiser Trajan

Viele Jahrhunderte nach seinem Tod rief sein Name heftige theologische Debatten hervor. Irgendwann im frühen Mittelalter kam die Legende auf, Papst Gregor der Große sei von den Berichten über die große Gerechtigkeit des Kaisers Trajan derart beeindruckt gewesen, dass er Gott darum bat, seine Seele von der ewigen Verdammnis zu befreien. Am Fall Trajan erörterte das christliche Mittelalter die Frage, ob alle Heiden zur Hölle verdammt sein müssten oder ob der eine oder andere Gerechte darunter nicht doch der göttlichen Gnade teilhaftig werden könnte. Als Kaiser Marcus Ulpius Traianus am 8. August 117 n. Chr., vor 1.900 Jahren, in Selinus in Kilikien verstarb, stand das Imperium Romanum auf dem Gipfel seiner Macht. > mehr


30.07.2017 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften

Inter-, multi-, universaldisziplinar - Konjunktur des Kulturbegriffs seit den 1980ern

Ob der Soziologe Niklas Luhmann geahnt hat, dass er später ausgerechnet mit diesem Satz so oft zitiert werden würde? „Kultur“ sei „einer der schlimmsten Begriffe, die jemals gebildet“ wurden, schrieb er 1997 in seinem Buch „Die Kunst der Gesellschaft“. Und lastete es vor allem diesem Begriff an, dass frühere Soziologenkollegen die „Ausdifferenzierung“ der Sozialsysteme nur unzureichend in den Blick genommen hätten. Die heterogensten Phänomene hätten umstandslos unter „Kultur“ subsumiert werden können, mit „verheerenden“ Folgen“. Mit seiner zornig dahingeworfenen Bemerkung traf Luhmann mitten in einen wissenschaftshistorischen „Paradigmenwechsel“. Seit den späten 1980er, frühen 1990er Jahren ist der „cultural turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften allgegenwärtig. > mehr

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