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10.10.2019 - RECHT

Wertentscheidung oder Leeerformel?

Die Menschenwürde im Streit um die Bioethik

Mit ihrem „Framing-Manual“, in welchem sie der ARD empfahl, sich der Öffentlichkeit in Zukunft unter Sprachformeln wie „unser gemeinsamer freier Rundfunk“ zu präsentieren, rief die Linguistin Elisabeth Wehling zwar viel Kopfschütteln hervor, erwarb sich aber auch ein Verdienst: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde darauf gelenkt, dass es nicht erst ganze Sätze sind, die unser Denken prägen. Bereits einzelne Wörter und Begriffe sind geeignet, uns in bestimmte Richtungen zu lenken: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein ‚Frame‘ aktiviert.“ An sich keine neue Erkenntnis, nur dass wir uns eben selten die Zeit nehmen, unser Denken sozusagen von außen zu beobachten. Die Mainzer Kulturwissenschaftlerin Theresia Theuke zeigt in ihrer Dissertation zum Begriff der „Menschenwürde“, die an der Universität Mainz erstellt wurde, dass die Debatte über das Thema Abtreibung, wie sie seit den 1960er Jahren in Deutschland geführt wurde, von solchen „Frames“ geprägt war. > mehr

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03.10.2019 - MALEREI

Als die Kunst sich von gesellschaftlichen Zwecken frei machte

Vor 350 Jahren starb Rembrandt van Rijn

Glücklich die Gemäldegalerie, die ihren Besuchern einen „Rembrandt“ präsentieren kann! Möchte man jedenfalls meinen. Seit 1968 bereiteten die Bilder des holländischen Malers den Museumsdirektoren oft genug Schweißausbrüche. Immer wieder kam das „Rembrandt Research Project“ in Amsterdam zu dem Schluss, dieses oder jenes dem Meister zugeschriebene Werk sei in Wirklichkeit von einem Schüler oder Angestellten in seiner Werkstatt gemalt. Oder von einem Nachahmer, der Rembrandts Stil imitierte. Zum Beispiel von jenem bislang unbekannten Maler, der um 1650 oder 1655 den „Mann mit dem Goldhelm“ schuf, den weltberühmten „Ex-Rembrandt“ in der Berliner Gemäldegalerie. Er muss vom Stil seines Vorbilds derart fasziniert gewesen sein, dass er dessen Kunstgriffe nicht nur imitierte, sondern noch steigerte, vor allem den dicken, beinahe reliefartigen Auftrag der Farben. Er ist es vor allem, der dem Bild seinen geheimnisvollen Glanz verleiht, den Eindruck, dass in der sinnlichen Oberfläche etwas Hintergründiges durchscheint. > mehr


27.09.2019 - WIRTSCHAFT

Ein ganz besonderes Metall

Zur Weltgeschichte des Goldes

1324 brach der König von Mali, Musa Keita I., von Timbuktu aus zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Angeblich hatte er 60.000 Menschen in seinem Gefolge, jeder von ihnen soll Goldbarren von 1,8 Kilogramm Gewicht getragen haben. 80 Kamele, die jeweils mit 150 Kilogramm Gold beladen waren, wurden mitgeführt. Unterwegs verteilte Musa freigebig Almosen, so reichlich, dass in Ägypten der Goldpreis abstürzte. Die Folgen bekam der König auf der Rückreise selbst zu spüren: Mit dem Gold, das er noch übrig hatte, konnte er kaum die Reisekosten decken und musste bei Kaufleuten in Kairo Kredit aufnehmen. Die Zahlen werden übertrieben sein. Dass sich die ägyptische Währung noch zehn Jahre später von dem Überfluss an Edelmetall nicht erholt hatte, ist jedoch belegt. König Musa, meint der Tübinger Historiker Bernd-Stefan Grewe in seiner „Weltgeschichte des Goldes“, war vermutlich „der einzige Mensch, der jemals für sich allein den Goldpreis in weiten Teilen der bekannten Welt bestimmte“. > mehr


21.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Die Grenzen einer Friedensmacht zu vergrößern

Acht Jahrzehnte nach der Aufteilung Osteuropas zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion

„Die herrschenden Kreise haben Bankrott gemacht“, erklärte der sowjetische Außenminister Molotow am 17. September 1939 im Rundfunk. „Die Ereignisse, die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufen wurden, haben die innere Haltlosigkeit des polnischen Staates bewiesen.“ Der „polnisch-deutsche Krieg“ - damit war der deutsche Überfall auf Polen gemeint, für den die Sowjetunion mit dem Nichtangriffspakt vom 24. August dem Deutschen Reich Rückendeckung gegeben hatte. Die Sowjetregierung habe „dem Oberkommando der Roten Armee die Verfügung erteilt“, „die Grenze zu überschreiten und das Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westweißrusslands unter ihren Schutz zu nehmen.“ Mehr als zwei Wochen lang hatte die Sowjetunion nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September damit gewartet, die ihr im „Pakt“ zugesprochenen ostpolnischen Gebiete zu besetzen. > mehr


14.09.2019 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein Aristoteles der Moderne

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren

Einen „Brunnen mit vielen Röhren“ nannte ihn Goethe, „wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt“. Alexander von Humboldt, der am 14. September 1769, vor 250 Jahren, in Berlin geboren wurde, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie. Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als „Aristoteles unseres Zeitalters“ würdigen. > mehr


08.09.2019 - KULTURGESCHICHTE

Orientalischer Viktorianismus?

Die Abkehr des modernen Islams von seinen erotischen Traditionen

Wenn irgendwann um 1200 oder 1300 ein Reisender von einem fernen Stern die Erde besucht und seinen Auftraggebern dann hätte berichten sollen, in welchen Kulturen auf diesem Globus das größte wissenschaftliche und technische, damit vielleicht auch größte ökonomische und politische Potential zu vermuten sei – in Frage gekommen wären einerseits China, andererseits die islamische Welt. Und auch wenn wir unserem Reisenden einiges über das private Leben im Europa der Gegenwart erzählen würden, über das, was man „erotische Kultur“ oder „Sexualmoral“ nennt – er würde wohl kaum auf die Idee verfallen, ausgerechnet das mittelalterliche Abendland hätte sich in diese Richtung entwickeln können. Der gebürtiger Marokkaner Ali Ghandour, islamischer Theologe an der Universität Münster, hat jetzt ein Buch über die erotische Kultur im „klassischen“ Zeitalter des Islams vorgelegt. > mehr


02.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Louisiana, Alaska - und Grönland?

Immobiliengeschäfte in der Weltgeschichte

Als sich die Regierung des Zarenreiches 1867 entschloss, ihr Territorium im Nordwesten Amerikas zu veräußern, wandte sie sich zunächst an Johann II., Fürst von und zu Liechtenstein. Die Liechtensteiner Dynastie war für ihre Finanzkraft bekannt. Sie könnte doch daran interessiert sein, wird man sich in Sankt Petersburg gedacht haben, ein großes Territorium zu erwerben, gegen eine kräftige Zahlung an den klammen russischen Staatshaushalt, versteht sich. Doch Johann lehnte ab, weil eine Erschließung Alaskas das Ländchen womöglich doch überfordert hätte. Im Hause Liechtenstein sei die Offerte noch lange danach diskutiert worden, teilte sein Nachfolger Hans-Adam II. 2018 der Presse mit. Wer weiß, vielleicht hätten sich die Fürsten mit Alaska sogar einen Königstitel zulegen können. Ein Dokument, mit dem sich das Kaufangebot beweisen ließe, wurde bislang allerdings nicht gefunden; große Teile des Liechtensteiner Familienarchivs gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. > mehr


27.08.2019 - RITUALFORSCHUNG

Die große Lehrmeisterin der Festumzüge und Prozessionen

Religiöse Elemente in der säkularisierten Moderne

„Hic inter monachos quiescit, qui nunquam contra monachos quievit", ersann 1778, nach dem Tod Voltaires, ein witziger Verehrer als Grabschrift: „Unter Mönchen ruht hier einer, der den Mönchen niemals Ruhe gönnte.“ Da zu befürchten war, dass die Geistlichkeit ein ordentliches Begräbnis des Spötters verhindern würde, hatte sein Neffe, der Abbé Mignot, den einbalsamierten Leichnam heimlich aus Paris in die Abtei Scellières in der Champagne schaffen lassen. 13 Jahre später wurde Voltaires Mumie exhumiert und am 11. Juli 1791 in einem feierlichen Triumphzug ins Pariser Pantheon überführt. Es gab heftige Diskussionen: „Während die Voltaire-Anhänger die Unversehrtheit der Mumie als symbolischen Ausdruck der moralischen Überlegenheit des Philosophen priesen, agitierten die Gegner umgekehrt, indem sie auf die stinkenden und nicht mehr intakten Überreste schimpften.“ Der Nationalversammlung wurde eine Petition vorgelegt, die gegen solche „heidnischen“ Zeremonien protestierte. > mehr


22.08.2019 - FRÜHGESCHICHTE

Als die Menschen das Knie noch nicht zu beugen wussten

Aus der Frühgeschichte der Zivilisation

Der Name Jean-Jacques Rousseau kommt in dem neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers James S. Scott nicht vor. Aber tatsächlich hat Scott so etwas wie eine Neubearbeitung von Rousseaus Traktat „Über die Wissenschaften und die Künste“ vorgelegt. 1749 provozierte Rousseau die europäischen Intellektuellen mit der Behauptung, alles in allem habe der „Fortschritt“ die Lage der Menschen keineswegs verbessert: In der modernen Gesellschaft sei der Mensch durch die Konventionen gefesselt, im Naturzustand habe er frei gelebt. In den letzten zweieinhalb Jahrhunderten hat die Archäologie unser Wissen um die Frühgeschichte enorm erweitert, Die Bewertung des Forschers von der Yale University, der nun ein Buch über die Entstehung der ersten Staaten im Mesopotamien des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr., fällt jedoch wiederum „rousseauistisch“ aus: Das Leben außerhalb des Staates, „das Leben als Barbar“, sei „materiell gesehen, häufig leichter, freier und gesünder gewesen als das Leben innerhalb der Zivilisation“. > mehr

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